Durch innovative Energiespeicher kann die PHI-Factory bis zu zwei Stunden autark betrieben werden. © Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt, PTW
Durch in­no­va­ti­ve En­er­gie­spei­cher kann die PHI-​Factory bis zu zwei Stun­den aut­ark be­trie­ben wer­den.

EE4InG - Be­gleit­for­schung In­dus­trie und Ge­wer­be
En­er­gie­ef­fi­zi­en­te Lö­sun­gen sind schon da, sie müs­sen nur in den Markt

Prof. Eber­hard Abele und Mar­tin Beck Mis­si­on Trans­fer

24.08.2020 | Ak­tua­li­siert am: 15.11.2024

Im In­ter­view er­klä­ren Pro­fes­sor Eber­hard Abele und Mar­tin Beck von der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt, wie CO2-​Emissionen und Pri­mär­ener­gie­be­darf in der In­dus­trie re­du­ziert wer­den kann und wie sich die Know-​How-Unterschiede zwi­schen For­schung und Pra­xis auf­lö­sen las­sen.

Porträtfoto Prof. Dr. Eberhard Abele, TU Darmstadt, PTW © Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt, PTW
Prof. Dr. Eber­hard Abele ist Pro­jekt­ko­or­di­na­tor der Be­gleit­for­schung En­er­gie­ef­fi­zi­enz für In­dus­trie und Ge­wer­be (EE4InG).

Was macht die Be­gleit­for­schung In­dus­trie und Ge­wer­be?

Abele: Im For­schungs­pro­jekt EE4InG be­trach­ten wir die In­dus­trie in ihrer Brei­te und er­mit­teln, wo über­haupt Po­ten­zia­le lie­gen, die En­er­gie­ef­fi­zi­enz zu ver­bes­sern oder CO2 be­las­te­te En­er­gie­quel­len zu er­set­zen. Schwer­punk­te sind die Bran­chen che­mi­sche Ver­fah­rens­tech­nik, Me­tall­erzeu­gung  und -​verarbeitung und Fer­ti­gungs­tech­nik. Wei­ter be­trach­ten wir dazu Tech­no­lo­gien wie Hoch­tem­pe­ra­tur­su­pra­lei­tung, Tri­bo­lo­gie und Ab­wär­me­nut­zung. Zum einen Top-​Down: Das heißt, wir nut­zen Stu­di­en und lei­ten dar­aus (ver­ein­facht ge­sagt) ab, wo es sich am meis­ten lohnt, En­er­gie ein­zu­spa­ren. Und Bottom-​up: Wo sind heute schon die größ­ten Po­ten­zia­le in der In­dus­trie, wo gibt es schon For­schungs­er­geb­nis­se, wie die En­er­gieef­fi­zi­enz ver­bes­sert wer­den kann? Warum sind diese Dinge noch nicht Stand der Tech­nik? Wel­chen For­schungs­be­darf gibt es, um diese in­no­va­ti­ven Me­tho­den oder Tech­no­lo­gien in die An­wen­dung zu brin­gen?

Wie ma­chen Sie denn diese Bottom-​up-Analyse?

Abele: Das sind Fach­ge­sprä­che mit Un­ter­neh­men, die wir jetzt nach und nach ma­chen. Hier brin­gen wir Ak­teu­re aus Un­ter­neh­men zu­sam­men und dis­ku­tie­ren, wie In­no­va­tio­nen iden­ti­fi­ziert und der Trans­fer an­ge­gan­gen wer­den kön­nen. Wir wol­len und müs­sen die­ses Span­nungs­feld mit Wis­sen auf der einen Seite und der prak­ti­schen Um­set­zung auf der an­de­ren Seite auf­lö­sen. Es geht darum, die En­er­giepo­ten­zia­le allem Ent­schei­dern in Un­ter­neh­men, Ver­bän­den und Po­li­tik prä­sent zu ma­chen, in die Köpfe zu be­kom­men und sich auch ge­gen­sei­tig zu mo­ti­vie­ren: So geht es nicht wei­ter, mit den Me­tho­den und Tech­no­lo­gien, wie wir es vor­ges­tern ge­macht haben. Es exis­tie­ren be­reits viele in­no­va­ti­ve Lö­sun­gen und die Her­aus­for­de­rung ist diese In­no­va­tio­nen und das Wis­sen in den Markt zu be­kom­men.

Porträtbild Martin Beck von ETA-Solutions © ETA-​Solutions GmbH
Dipl.-​Wirtsch.-Ing. Mar­tin Beck hat mit ver­schie­de­nen Part­nern von 2013 bis 2015 die En­er­gie­ef­fi­zi­enz­fa­brik "ETA-​Fabrik" mit auf­ge­baut.

Die Be­gleit­for­schung ver­netzt also auch die Ak­teu­re un­ter­ein­an­der?

Beck: Ja, im Grun­de ist ein gro­ßer Mehr­wert da­durch zu er­rei­chen, dass wir es schaf­fen, durch un­se­re Be­gleit­for­schung Dinge auf­zu­zei­gen, die mög­li­cher­wei­se Syn­er­gien aus­lö­sen könn­ten. Also Syn­er­gien zwi­schen be­reits eta­blier­ten Tech­no­lo­gien und neuen Din­gen, die be­reits am Ho­ri­zont er­sicht­lich sind. Das For­schungs­pro­jekt ar­bei­tet des­halb auch eng mit dem For­schungs­netz­werk In­dus­trie und Ge­wer­be zu­sam­men, da es hier schon eine gute Basis für eine Ver­net­zung unter den Ak­teu­ren gibt. Das Thema En­er­gieef­fi­zi­enz ist auf­grund der Sys­tem­zu­sam­men­hän­ge eines der kom­ple­xes­ten The­men, die es gibt; Maß­nah­men ste­hen immer in Wech­sel­wir­kung. Da müs­sen wir mit Ko­ope­ra­tio­nen ar­bei­ten, weil eine ein­zel­ne Wis­sen­schaft immer nur einen Teil­aspekt be­trach­tet. Und da En­er­gielö­sun­gen im Un­ter­neh­men oft nur über Abteilungs-​ oder Be­triebs­gren­zen ihre volle Wir­kung ent­fal­ten.

Gibt es Bei­spie­le für Syn­er­gien, die ge­nutzt wer­den könn­ten, um den En­er­giever­brauch zu sen­ken?

Beck: Die ETA-​Fabrik zeigt die en­er­ge­ti­schen Zu­sam­men­hän­ge einer ge­sam­ten Fa­brik und dass die Tech­no­lo­gien be­reits exis­tie­ren, um Pro­zes­se en­er­gieef­fi­zi­en­ter zu fah­ren. Die in­dus­tri­el­le Fer­ti­gung wird in ihrer Ge­samt­heit be­trach­tet und die en­er­ge­ti­sche Op­ti­mie­rung des Sys­tems im Zu­sam­men­spiel von Pro­duk­ti­ons­ket­te und Ge­bäu­de un­ter­sucht. Die Ma­schi­nen sind mit En­er­giespei­chern, der Ge­bäu­de­tech­nik und der Ge­bäu­de­hül­le ver­netzt.

Abele: Wir haben im Darm­stadt pro Jahr zwi­schen 1.500 – 2.500 Per­so­nen, die da durch die ETA- Fa­brik lau­fen und für die das zu 98 Pro­zent neue In­for­ma­ti­on und In­no­va­tio­nen sind. Sie fin­den hier In­spi­ra­ti­on und über­le­gen für ihr Un­ter­neh­men: Warum ma­chen wir das denn nicht ge­nau­so? Wel­che Me­tho­den oder Tech­no­lo­gien kön­nen wir über­tra­gen? Mit sol­chen De­mons­tra­ti­ons­pro­jek­ten wie der ETA-​Fabrik  be­kom­men die Ak­teu­re einen Per­spek­tiv­wech­sel und es ent­steht neue For­schung.

Be­gleit­for­schung In­dus­trie und Ge­wer­be

Die Pro­jekt­ko­or­di­na­ti­on für die Be­gleit­for­schung hat die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt. Wei­te­re Part­ner sind das Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT), das In­sti­tut für Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz und En­er­giestra­te­gien (IREES) sowie ETA-​Solutions, eine Aus­grün­dung der ETA-​Fabrik (TU Darm­stadt). Das Vor­ha­ben ist im Ok­to­ber 2018 ge­star­tet und läuft über einen Zeit­raum von drei Jah­ren.

Die For­schen­den der Be­gleit­for­schung EE4InG er­mit­teln ent­lang der For­schungs­fel­der des For­schungs­netz­werks In­dus­trie und Ge­wer­be Lö­sun­gen, die das Po­ten­zi­al haben die En­er­gieef­fi­zi­enz im Be­reich In­dus­trie und Ge­wer­be zu stei­gern.

Es geht also viel­mehr darum das ge­sam­te Sys­tem als ein­zel­ne Tech­no­lo­gien oder Bran­chen hin­sicht­lich der En­er­gieef­fi­zi­enz zu be­trach­ten?

Beck: Jedes Un­ter­neh­men hat Po­ten­zia­le, seine En­er­gieef­fi­zi­enz zu ver­bes­sern. Aber wir sehen auch, dass es gar nicht so ein­fach ist, in be­stehen­de Struk­tu­ren ein­zu­grei­fen und etwas zu än­dern. Neh­men Sie etwa den Be­reich Kühl- und Käl­te­tech­nik, hier ist sehr viel Tech­nik ver­baut. Das wäre sehr auf­wen­dig und teuer, das alles um­zu­bau­en. Die Frage ist, in wel­chem Um­fang das über­haupt nö­tigt ist - und ob be­stehen­de An­la­gen nicht deut­lich per­for­man­ter be­trie­ben wer­den kön­nen. Mit der Be­gleit­for­schung be­trach­ten wir die ein­zel­nen Bran­chen und ihr Po­ten­zi­al sowie die mög­li­chen Aus­wir­kun­gen neuer Tech­no­lo­gien, die den künf­ti­gen Be­darf stark be­ein­flus­sen kön­nen.

Wel­che Tech­no­lo­gien oder Bran­chen wer­den denn aus Ihrer Sicht künf­tig viel En­er­gie brau­chen?

Abele: Zum Bei­spiel die Lithium-​Ionen-Batteriefertigung für Elek­tro­fahr­zeu­ge. Das ist ein In­dus­trie­zweig, der künf­tig auch in Deutsch­land wach­sen wird. Da­hin­ter ste­cken sehr en­er­giein­ten­si­ve Pro­zes­se: Da geht es unter an­de­rem um kom­ple­xe Beschichtungs-​ und Trock­nungs­tech­no­lo­gien; und über Pro­zes­se, um die Bat­te­rie­zel­len zu for­mie­ren. Das sind rie­si­ge En­er­giemen­gen, die in so ein Bat­te­rie­werk rein­ge­hen. Wenn wir über For­schung und Ent­wick­lung die Po­ten­zia­le er­schlie­ßen, die Pro­zes­se en­er­gieef­fi­zi­en­ter hin­be­kom­men, dann hätte das bald einen sehr schnel­len Ska­lie­rungs­ef­fekt. Wei­te­res wich­ti­ges Thema ist die Di­gi­ta­li­sie­rung: Das mo­bi­le In­ter­net 5G hat zum Bei­spiel mehr Strom­be­darf als das heu­ti­ge 4G. Im Hin­ter­grund brau­chen wir viel mehr Re­chen­leis­tung und ein Groß­teil der Leis­tung eines Re­chen­zen­trums wird für die not­wen­di­ge Kühl- und Käl­te­tech­nik be­nö­tigt. Auch die Zu­kunfts­sze­na­ri­en und Pro­gno­sen sind Ar­beits­pa­ke­te der Be­gleit­for­schung.

Das In­ter­view führ­te An­ni­ka Zeit­ler, Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin beim Pro­jekt­trä­ger Jü­lich.